Unterschätzen wir das Ausmaß von Antibiotikaresistenzen?

Die zunehmende Verbreitung von antibiotikaresistenten Keimen infolge des immensen Antibiotikaeinsatzes in der Viehzucht und am Menschen ist seit längerem ein vieldiskutiertes Thema. Erst kürzlich warnte der stellvertretende Direktor der amerikanischen Bundesbehörde Centers for Disease Control and Prevention, Dr. Arjun Srinivasan, in einem Interview: Wir haben das Ende des Antibiotika-Zeitalters erreicht. Während die Entdeckung des Penicillins einst eine Epoche der Medizingeschichte einläutete, in der der Mensch endlich eine wirksame Waffe gegen vormals tödliche Infektionskrankheiten besaß, befinden wir uns nun in der Post-Antibiotika-Ära – so seine beklemmende Vision der Realität. Demnach stehen wir einigen Infektionen heute schon machtlos gegenüber, deren Behandlung vor einigen Jahren noch kein Problem darstellte.

Bemerkenswerte Erkenntnisse zur Ausbreitung von Resistenzen liefern aktuelle Untersuchungsergebnisse amerikanischer Mikrobiologen. Sie untersuchten Stuhlproben von Kindern und Jugendlichen im Alter von einem Monat bis 19 Jahren. Dabei fanden sie Resistenzen gegen 14 der 18 getesteten Antibiotika, unabhängig vom Alter, in nahezu jeder Probe und bereits bei Kleinkindern von 12 Monaten. Das Interessante dabei war, dass sich darunter auch ein Wirkstoff befand, der in den USA nicht mehr verabreicht wird und ein anderer, der zum Zeitpunkt der Probenentnahme erst vor der Markteinführung stand. Die Wissenschaftler vermuten daher, dass a) sich die meisten Resistenzen bereits in der frühkindlichen Darmflora manifestieren und b) diese weniger aus einer unmittelbaren Antibiotikatherapie am Wirt resultieren, sondern vielmehr aus der Umwelt in den Körper gelangen. Da sich die Darmflora erst nach der Geburt durch die orale Aufnahme von Bakterien entwickelt, ist es denkbar, dass Säuglinge bereits resistente Keime von der Mutter oder aus der Umwelt aufnehmen. Hierdurch lassen sich Resistenzen gegen Antibiotika erklären, mit denen die Darmflora des Wirts selbst noch nie in Berührung gekommen ist. Die Resistenz gegen das bis dato noch nicht zugelassene Tigecyclin sehen die Autoren in der strukturellen Ähnlichkeit mit den verbreiteten Tetracyclinen begründet. Auch wenn von einer resistenten Darmflora direkt keine Gesundheitsgefährdung ausgeht, besteht dennoch die Gefahr einer Übertragung auf pathogene Keime. Bakterien können Fragmente des Erbguts und somit auch Resistenz-Gene auf andere Bakterien transferieren. Die Erkenntnis, dass das gesamte Resistenzspektrum in der Bakterienflora nahezu jeder Stuhlprobe nachweisbar war, rückt die Wahrscheinlichkeit für eine Übertragung auf Krankheitserreger in ein bedenkliches Licht. Denn das Potenzial dazu steckt offensichtlich in jedem von uns, auch wenn wir die Einnahme von Antibiotika weitgehend vermeiden.

Quellen:
1) Interview des amerikanischen TV-Magazins Frontline mit Dr. Arjun Srinivasan vom 22.10.13 [Link zum englischsprachigen Interview]
2) Moore AM et al.: Pediatric fecal microbiota harbor diverse and novel antibiotic resistance genes. PLoS One; 8(11):e78822: 2013 [Abstract]

Mit freundlicher Erlaubnis übernommen aus dem FET-Mitgliedernewsletter November 2013 > Fachgesellschaft für Ernährungstherapie und Prävention (FET) e.V.  www.fet-ev.eu 

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