NTP-Studie findet Hinweise auf Tumorbildung durch Mobilfunkstrahlung

Die von der US-Regierung in Auftrag gegebene NTP-Studie wurde mit dem Ziel ins Leben gerufen, Antworten auf die Frage nach der Unbedenklichkeit der Mobilfunkstrahlung zu liefern. Im Rahmen der Studie erkrankte ein Teil der Versuchstiere an bösartigen Hirntumoren sowie an seltenen Herztumoren. Insbesondere Kinder sollen aufgrund ihrer geringen Körpergröße besonders gefährdet sein. Die Auswirkungen bei Menschen zeigen sich möglicherweise erst nach jahrzehntelanger Nutzung drahtloser Geräte.

Im Rahmen der 25-Millionen-Dollar-teuren, von der US-Regierung in Auftrag gegebenen NTP-Studie wurde der Zusammenhang zwischen Mobilfunkstrahlung und der Entstehung von Krebs untersucht. Bislang herrscht in der Wissenschaft noch keine Einigkeit darüber, inwiefern Mobilfunkstrahlung eine gesundheitsgefährdende Wirkung aufweise. Während für manche Forscher ausreichende Hinweise auf ein Gesundheitsrisiko vorliegen, schätzen andere die Strahlendosis als zu gering ein und streiten jegliche Gefährdung vehement ab. Im Jahre 2013 stufte die IARC (internationale Krebsforschungsagentur der WHO) die Hochfrequenzstrahlung als potentiell krebserregend ein. Hochfrequente elektromagnetische Felder werden sowohl für Mobilfunk als auch für Rundfunk/Fernsehen, schnurlose Telefone und Drahtlosnetzwerke (WLAN) eingesetzt.

Prof. Franz Adlkofer, Leiter der von der EU finanzierten REFLEX-Studie (2000-2004), sah bereits in seinen Resultaten erste wichtige Anhaltspunkte für die schädliche Wirkung der Hochfrequenzstrahlung. Nach der Veröffentlichung der Studienergebnisse wurden diese jedoch stark in Zweifel gezogen und die Vorgehensweise zum Teil als nicht wissenschaftlich kritisiert[i]. Die REFLEX-Studie fand Anhaltspunkte dafür, dass hochfrequente elektromagnetische Strahlung (RF-EMF), wie sie im Mobilfunk und bei WLAN zum Einsatz kommt, zu DNA-Strangbrüchen bei Zellkulturen führe, einer Zellschädigung, die als Vorstufe von Krebs gilt[ii]. Die REFLEX-Studie gehört zur Grundlagenforschung kann zwar für sich allein genommen keine Auskunft über das tatsächliche Gefahrenpotential geben. Nun jedoch sieht Prof. Adlkofer seine Ergebnisse von der NTP-Studie bestätigt[iii].

Erste Ergebnisse der NTP-Studie

Der erste veröffentlichte Bericht der NTP-Studie[iv] (26.05.2016) enthält einige Teilergebnisse der Studie. So fanden sie, dass einige der männlichen Ratten aus der Versuchsgruppe an Gliomen (bösartigen Hirntumoren) und Schwannomen (sehr sehr seltenen Herztumoren) erkrankten. Bei männlichen und weiblichen Ratten ließen sich präkanzerogene Läsionen an Hirn und Herz feststellen. Diese stellen eine Vorstufe von Krebs dar. Aus der Kontrollgruppe, die keiner niederfrequenten elektromagnetischen Strahlung ausgesetzt war, erkrankte keine der Ratten an solchen Tumoren. Eine weitere Arbeit, die sich momentan noch im Peer-Review befindet, hat darüber hinaus genotoxische Effekte festgestellt.

„Good Science“ – Zuverlässigkeit der Daten von mehreren Seiten bescheinigt

Da sich einige der einschlägigen Studien nach Veröffentlichung ihrer Ergebnisse mit dem Vorwurf der Unglaubwürdigkeit konfrontiert sahen, wurde die Studie von Anfang an im Hinblick auf Zuverlässigkeit und Reproduzierbarkeit der Daten geplant und durchgeführt. Die American Cancer Society (ACS) bezeichnet die Resultate als „gute Wissenschaft“[v]: nicht nur verwendeten sie doppelt so viele Versuchstiere wie erforderlich, zur Beurteilung der Tumor-Gewebeproben beriefen sie statt einem sogar vier Gremien ein; sowohl die Datenanalyse als auch die Ergebnisse sind im Rahmen der Studie von mehreren externen Wissenschaftlern beurteilt worden. In ihrer Pressemitteilung vom 05.06.2016 führen sie weitere Argumente an, die für die Glaubwürdigkeit dieser Resultate sprechen. So weisen sie zum Beispiel darauf hin, dass die Seltenheit der entdeckten Schwannome (Herztumore) ein deutlicher Hinweis darauf ist, dass dies mit hoher Wahrscheinlichkeit kein Zufallsfund ist[vi]

Auch Dr. Devra Davis, Vorsitzende des Environmental Health Trust (EHT) und frühere Gründungsdirektorin des Vorstands für Umweltforschung und Toxikologie des US-amerikanischen National Research Council (NRC), erkennt den hohen Qualitätsanspruch der NTP-Studie an. Im Gegensatz zu vielen anderen Studien, wurde die Kontrollgruppe von jeglicher elektromagnetischer Strahlung abgeschirmt[vii], so dass die Ergebnisse der Versuchstiere aus der Kontrollgruppe nicht durch störende Einflüsse von Apparaturen oder mitgebrachten Mobiltelefonen verfälscht werden konnten. Studien an Nagetieren seien der Goldstandard für die Untersuchung von chemischen Reaktionen, teilt sie mit.

Eltern sollten sich der Gefahr bewußt sein

In der Pharmaindustrie würden Studienergebnisse dieser Art als Anlass genommen, die Weiterentwicklung des betreffenden Arzneimittels einzustellen, bis seine Unbedenklichkeit nachgewiesen ist, so Dr. Eitan Kerem, Vorsitzender der Pädiatrie am Hadassah Krankenhaus Jerusalem.[viii] Obwohl sich einige seiner Kollegen kritisch zu diesem Thema äußern,[ix] empfiehlt er Eltern, sich dieser Gefahrenquelle bewußt zu sein, auch wenn der endgültige Nachweis der konkreten Gesundheitsgefährdung für den Menschen noch erbracht werden muss: „Wenn wir diesen Studien keine Beachtung schenken und auf mehr Humandaten bestehen, werden wir selbst zum Beweismaterial“[x].

Hochfrequente elektromagnetische Strahlung stellt, ebenso wie die UV-Strahlung (auch eine Art von elektromagnetischer Strahlung, ein nicht sichtbares physikalisches Phänomen dar. Die gleiche Strahlenmenge führt bei Kindern aufgrund ihrer geringeren Körpergröße zu einer höheren individuellen Strahlendosis. Messungen zeigen, dass sich die Strahlung während eines Telefonats mit dem Handy über den gesamten Kopf ausbreitet – bei Erwachsenen reicht die Ausbreitung lediglich bis zur Nase[xi]. Es bleibt die Frage, wie genau sich dies auf die empfindlichen Vorgänge auswirkt, die während des Entwicklungsstadiums von Kindern (und Ungeborenen) ablaufen.

Geräte werden häufig zu nah am Körper getragen

Es steht also einiges auf dem Spiel, denn es gibt bereits menschliche Fallbeispiele. In ihrer Vorlesung vom November 2015  an der Universität von Melbourne (Video siehe unten) berichtet Davis unter anderem von einer 34-jährigen Patientin, die ihr Handy täglich zehn Jahre lang während der Autofahrt in Brusthöhe transportierte. Sie erkrankte an Brustkrebs, bei dem sich die Tumore direkt unter der Haut in Höhe der Antenne ausgebildet hatten[xii]. Eine andere Patientin (21 Jahre alt) erkrankte an metastasierendem Brustkrebs. Das MRT zeigte die Anordnung der Metastasen in Form des Handys, das sie in Brusthöhe getragen hatte[xiii].

Handys und Tablets sind nicht für die Nutzung oder das Tragen am Körper getestet. Tablets werden bei Messungen in der Regel mit einer Entfernung von 20 cm vom Körper getestet, sind also insbesondere nicht für die Nutzung auf dem Schoß kleiner Kinder oder von Schwangeren zugelassen. Auch Handys, die direkt am Körper getragen werden, zum Beispiel in der Hosentasche, könnten die zugelassenen Grenzwerte möglicherweise überschreiten. Es stellt sich die Frage, aus welchem Grund viele Handy- und Tabletnutzer davon in der Regel nichts wissen und in welcher Form die Nutzer informiert werden. Schaut man sich das Benutzerhandbuch eines Mobiltelefons oder Tablets an, findet man Warnhinweise, dass der Abstand, in dem die Geräte getestet wurden, unbedingt eingehalten werden müssen. Ein Beispiel: „SAR-Tests am Körper wurden oder [sic] bei einem Abstand von 1.5 cm durchgeführt. Um die RF-Freisetzungsrichtlinien im Betrieb am Körper zu erfüllen, sollte das Gerät mit diesem Mindestabstand am Körper getragen werden“[xiv].

Individuelle Vorsichtsmaßnahmen ergreifen

Derzeit liegt die Verantwortung größtenteils noch in den Händen der Benutzer. Doch auch politisch scheint sich etwas zu regen. So wurden in Belgien und Frankreich Handys für Kinder bereits verboten, in mehreren Ländern müssen die SAR-Werte (spezifische Absorptionsrate) auf Handys ausgewiesen werden. In Deutschland informiert das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) über den sicheren Umgang mit Mobilfunkstrahlung[xv] (Empfehlungen siehe Infobox). Auch wird insgesamt geraten, verstärkt auf Festnetztelefonie und Lösungen mit Festverkabelungen zurückzugreifen, wo immer es möglich ist. Insbesondere an Schulen sollten Drahtlosnetzwerke eher eine Ausnahme darstellen[xvi]. Für das Phänomen Elektromagnetische Strahlung existiert aber auch eine Reihe von Möglichkeiten zur physikalischen Abschirmung, darunter spezielle Anti-Strahlungs-Headsets oder Handytaschen aus einem besonderen Gewebe, das die Strahlung zum Körper hin abschirmen kann.

Mobilfunk hat sich zu einem bedeutenden Teil unseres Lebens entwickelt, so dass gesichertes Wissen über den sicheren Umgang damit dringend vonnöten ist. Bis in der Wissenschaft letztendlich Einigkeit über die tatsächliche Dimension dieser Problematik herrscht und wissenschaftlich fundierte Aussagen vorliegen, sollte sich jeder Nutzer von Mobilfunk und WLAN über die potentiellen Risiken bewußt sein und Maßnahmen kennen, wie man diese minimieren kann. Unten finden Sie daher weitere Informationen, Links sowie die „Empfehlungen zur Reduzierung der Strahlenbelastung“ vom Bundesamt für Strahlenschutz (BfS).++

Individuelle Maßnahmen

„Durch das eigene Verhalten kann man die Strahlenbelastung im Alltag selbst senken. Neben den Empfehlungen zum Telefonieren mit dem Handy gibt es spezielle Tipps für die neuen Anwendungen, die Smartphone und Tablet bieten:

  • Telefonieren Sie mit Headset. Das gilt für Smartphones genauso wie für klassische Mobiltelefone.
  • Surfen im Internet und E-Mails abrufen sollten Sie möglichst nur bei gutem Empfang oder über WLAN. Bei WLAN ist die Sendeleistung in der Regel niedriger als bei den Mobilfunkstandards UMTS, GSM oder LTE.
  • Rufen Sie E-Mails nur bei Bedarf manuell ab.
  • Vermeiden Sie den Abruf von E-Mails, während Sie telefonieren. Wenn Sie Ihre persönliche Strahlenbelastung besonders gering halten möchten, schalten Sie den Hintergrunddatenverkehr ab.
  • Wenn Sie Ihr Smartphone am Körper tragen, achten Sie auf den vom Hersteller angegebenen Mindestabstand. Verwenden Sie das dazu mitgelieferte Tragezubehör.
  • Achten Sie beim Surfen im Internet mit Ihrem Tablet oder Smartphone auf einen ausreichenden Abstand zum Körper. Die Belastung mit hochfrequenten Feldern verringert sich deutlich je größer der Abstand ist.
  • Achten Sie beim Kauf auf einen möglichst niedrigen SAR-Wert.“


Empfehlung besonders für Kinder und Jugendliche

„Deaktivieren Sie "Datenverbindungen über Mobilfunk". Damit ist Ihr Kind telefonisch erreichbar und kann unterwegs offline spielen. Wer unbedingt auf dem Smartphone oder Tablet online spielen will, sollte das zuhause über eine WLAN-Verbindung tun. Die Spieldauer sollte nicht nur aus Gründen des Strahlenschutzes in Grenzen gehalten werden.“ 

 



[i] http://www.aerzte-und-mobilfunk.eu/ausgewaehlte-studien/reflex-studie-mobilfunk-forschung-krebsrisiko-dna-schaedigung/ (abgerufen am 02.03.2017)

[iii] https://www.diagnose-funk.org/publikationen/artikel/detail&newsid=1086 (abgerufen am 04.08.2016)

[iv] http://biorxiv.org/content/biorxiv/early/2016/05/26/055699.full.pdf (abgerufen am 04.08.2016)

[v] „This report from the National Toxicology Program (NTP) is good science.“ http://pressroom.cancer.org/NTP2016?_ga=1.187727649.861672531.1464614573 (abgerufen am 04.08.2016)

[vi] „The second cancer, called a schwannoma, is an extremely rare tumor in humans and animals, reducing the possibility that this is a chance finding“http://pressroom.cancer.org/NTP2016?_ga=1.187727649.861672531.1464614573 (abgerufen am 04.08.2016)

[vii] http://blog.oup.com/2016/06/cancer-from-cell-phone-radiation-ntp-report/ (abgerufen am 04.08.2016)

[viii] http://blog.oup.com/2016/06/cancer-from-cell-phone-radiation-ntp-report/ (abgerufen am 04.08.2016)

[ix] http://www.nytimes.com/2016/06/02/upshot/why-its-not-time-to-panic-about-cellphones-and-cancer.html?_r=1 (abgerufen am 04.08.2016)

[x] „If we fail to heed these studies and insist on more human data, we become the bodies of evidence.“ http://blog.oup.com/2016/06/cancer-from-cell-phone-radiation-ntp-report/ (abgerufen am 04.08.2016)

[xi] Bilder aus dem Vortrag von Dr. Devra Davis (2015) „The Truth about Mobile Phone and Wireless Radiation“: http://ehtrust.org/wp-content/uploads/ewpt_cache/960x0_95_3_c_FFFFFF_322862e44e53c2eb36338b83b81fbc37.jpg und http://ehtrust.org/wp-content/uploads/ewpt_cache/960x0_95_3_c_FFFFFF_ff2aa8cd5449e7320a6838d1f91895cb.jpg. Alle Präsentationsfolien: http://ehtrust.org/science/slides-from-presentations/#!mg_ld=6798 (abgerufen am 04.08.2016)

[xii] http://www.eng.unimelb.edu.au/engage/events/lectures/davis-2015, TC: 00:35:45 (abgerufen am 04.08.2016)

[xiii] http://www.eng.unimelb.edu.au/engage/events/lectures/davis-2015, TC: 00:37:02 (abgerufen am 04.08.2016)

[xiv] http://www.samsung.com/sar/sarMain?site_cd=&prd_mdl_name=SM-G920T&selNatCd=DE&languageCode=DE (abgerufen am 04.08.2016)

[xv] http://www.bfs.de/DE/themen/emf/mobilfunk/schutz/vorsorge/smartphone-tablet.html (abgerufen am 04.08.2016)

[xvi] http://www.next-up.org/pdf/Bayer_StaMi_Empfehlung_20070823.pdf (abgerufen am 04.08.2016)

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